Es heißt, die fünf Menschen, mit denen wir am meisten Zeit verbringen, haben den größten Einfluss auf unser Mindset und damit letztlich auf unser Leben. Und es ist sicher auch ein natürliches Bedürfnis, sich unter Gleichgesinnten wohl und sicher fühlen zu wollen. Und doch kommen mir aufgrund der aktuellen Lage manchmal Zweifel, ob das Schmoren im eigenen Saft und die Abschottung vermeintlich negativer Einflüsse das Gegenteil von Persönlichkeitsentwicklung und Verantwortung bedeuten können …

Ich gebe es gerne zu – auch ich lese Sachbücher, die alle recht ähnlich oder zumindest im selben Regal in einer Buchhandlung zu finden sind. Auch Filme und Romane, die mein Wunschweltbild bestätigen statt erschüttern, geben mir als Hochsensibelchen ein gutes Gefühl. Schlagzeilen, Liveticker und Nachrichten kann ich kaum ertragen und meide ich, so gut es geht. Zu lange verfolgen und lähmen mich sonst Bilder von ertrunkenen Flüchtlingskindern und verbrannten Kängurupfoten. Und wir wissen schließlich alle – auch aus eigener Erfahrung- das worauf wir stetig unsere Aufmerksamkeit lenken, nimmt mehr und mehr Raum ein. Wenn ich ständig echte oder zurechtgestückelte Fakten darüber konsumiere, wie schlecht die Menschheit ist und wie schlimm die Zustände, dann werde ich am Ende auch ein schlechter Mensch sein und in einen schlechten Zustand geraten. Konsequent zu Ende gedacht, müsste ich am besten auf eine einsame Insel ziehen, wo es weder Internet noch Handynetz und somit auch kein Social Media und echte Sozialkontakte gibt, außer zu meinen Liebsten, die ich natürlich gerne bei mir hätte.

Aber ist das der Sinn des Lebens? Immer am Strand zu sitzen und aufs Wasser zu starren, wenn ich mal nicht mit Sammeln von Kokosnüssen oder Beeren beschäftigt bin? Ist es nicht ein Privileg, bei aller berechtigter Kritik am System, dass mein Kind zur Schule gehen und sich seiner Neigungen und Interessen entwickeln darf? Und ist es nicht ein Segen, ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und diese auch bezahlen zu können, wenn meine Familie oder ich diese brauchen? Und sind es nicht am Ende überhaupt die Herausforderungen „der Gesellschaft“, – also unseres gesamten Umfeldes einschließlich Eltern, Geschwistern, Kindern, aber eben auch Gesetzgebern, Lehrern, Arbeitgebern, Kollegen und Nachbarn – die uns wirklich wachsen lassen? Sind es nicht spezielle Äußerungen und Haltungen im Außen, die uns innerlich triggern und damit ein Geschenk bergen, weil sie uns unsere Themen und Lernfelder bewusst machen? Das Gleiche gilt für den Partner – wie lebendig kann eine Beziehung sein, wenn beide immer der gleichen Meinung sind und beide immer die gleichen Interessen und Bedürfnisse haben? Ja, ein entspanntes Leben in der Hängematte abgeschottet von allem „Übel“ ist eine verlockende Vorstellung, aber sicher nicht der Sinn unseres Daseins auf der Erde, an dessen Ende ich dann doch lieber auf dem Sterbebett ohne Schmerzen friedlich einschlafen möchte, in der guten Gewissheit, ein erfülltes Leben gelebt zu haben und diesen Planeten bzw. das Miteinander durch mein Wirken hoffentlich etwas besser als schlechter zu hinterlassen.

Das schreibt sich natürlich leichter, als es getan ist. Aber letztlich gelingt ein wirklich gutes Leben eben nur, wenn wir Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen. Entwicklungen nicht zu beachten, sich nicht zu informieren, ist auch eine Entscheidung und nicht in allen Fällen eine gute. Wie kann ich mich beispielsweise für das bedingungslose Grundeinkommen stark machen, wenn ich gar nicht verstehe, welcher Segen für jedes Individuum darin läge? Wie kann ich Flüchtlingen in der Nachbarschaft helfen, wenn ich gar nicht mitbekomme, dass es einen Treffpunkt oder Sammelstellen gibt? Wie kann ich die Grünen wählen, wenn ich kaum etwas über deren konkrete politische Ziele weiß? Wie kann ich eine Entscheidung darüber treffen, ob eine Masernimpfung mehr Vor- oder Nachteile hat, wenn ich die Fakten nicht kenne?

Und wie kann ich mir ein sachliches Urteil über Corona erlauben, wenn ich bei jeder Gelegenheit damit kokettiere, keine Nachrichten zu konsumieren? Wie verantwortungsvoll kann ich insbesondere als Gutmensch und spirituell Erleuchtete sein, wenn ich meiner Informationspflicht als Bürger, Wähler und Konsument nicht nachkomme? Wie herzenswarm und offen begegne ich „den Politikern“, „den Pharmaleuten“, „den Journalisten“ und sogar „den Wissenschaftlern“ wirklich, wenn ich ihnen pauschal unterstelle, bloß ihre eigenen Interessen zu verfolgen, obwohl oder weil diese auch bloß Menschen sind, die teils bereit sind, große Verantwortung zu tragen und oft einen sehr guten Job machen? Es ist gerade in heutigen Zeiten so einfach, über Panikmache zu spotten und diese gleichzeitig damit zu schüren, weil es nämlich auch da den Fokus genau dorthin lenkt und weg von dem, wo man eigentlich hin will: zur Besonnenheit.

Und dazwischen gibt es die Angst. Die ist das nur allzu menschlich und lebensbehindert einerseits, aber lebensrettend andererseits. Wie wäre es also, wenn gerade diejenigen, die sich in facebook-Gruppen und anderen Communitys, die sich vorgeblich der Mitmenschlichkeit verschrieben haben, wirklich auch etwas Menschliches tun, eben Verantwortung zu übernehmen – z.B. für die eigene Angst statt sich über Hamsterkäufe anderer lustig zu machen? Wie wäre es, ein paar Nudeln mehr zu kaufen, um Einkäufe und Kontakte in der akuten Notzeit so risikoarm wie möglich zu halten und Eltern oder ältere Nachbarn damit zu versorgen? Wie wäre es, eine Zeit lang auf Events und Umarmungen zu verzichten, weil man die Krebspatienten von nebenan sonst in Lebensgefahr bringen könnte? Wie wäre es, das medizinische Personal so gut es geht zu unterstützen und zu entlasten durch Achtsamkeit und Sorgfalt? All das ist für mich echte Guttaten und in meinen Augen so viel liebevoller als über „die anderen“ zu urteilen und alles vermeintlich Böse da draußen einfach wegzumeditieren. Sich in Vertrauen zu üben, innere Ruhe und Frieden zu bewahren ist das eine, ja. Aber alles andere um uns herum auszublenden nicht die Lösung.

Wenn eine Krise, die de facto bereits da ist, für wenigstens eines gut sein möge, dann doch bitte, dass Menschen sich auch menschlich verhalten und Werte wie Nächstenliebe, Solidarität und Integrität wirklich leben und Entscheidungen danach ausrichten, also den Feind nicht länger „in dem anderen“ sehen, weil er nicht zur eigenen Wahrheit passt. Stattdessen sind wir alle aufgerufen, den Feind im eigenen, angstbehafteten Ego zu suchen, das alles tun wird, um so unbeschadet wie möglich zu entkommen. Doch das ist unmöglich. Es wird eine Durchseuchung geben, viel Leid, viel Stress und leider viele Sterbefälle. Und es wird Einschnitte geben, die jetzt schon spürbar sind – in unserer Freiheit, unserem Wohlstand und unserer Sicherheit.

Möge dieser Einschnitt hoffentlich auch etwas Positives bewirken – ein verändertes Bewusstsein in Demut dafür, dass frei verfügbare Informationen und ein gutes Leben nicht selbstverständlich sind und ein guter Mensch niemals nur sein eigenes Wohl im Blick haben kann, weil wir alle eins und als Menschheit vereint sind.

Mehr Informationen

f-empowerment

Deine Tausch-Community mit Herz

www.f-empowerment.de

info@f-empowerment.de 

Informationen zur Autorin:

Heidi Goch-Lange

www.herz-weise.de / www.sofie-cramer.de